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Br. Fortunat und Timo Züst
Br. Fortunat und Timo Züst

Bericht von Timo Züst (Appenzeller Zeitung)

Im Rahmen des diesjährigen Gallusjubiläums können Männer für 24 Stunden das Leben hinter den Mauern des Kapuzinerklosters Wil kennen lernen und dabei in eine unbekannte Welt eintauchen. Auch ein Redaktor der Appenzeller Zeitung lässt sich auf das Abenteuer ein.

WIL. Neben der Pforte des Kapuzinerklosters Wil hängt ein Holzkreuz, wer daran zieht, gibt dem ein Zeichen. Es ist kurz nach 17 Uhr am Freitagabend, ich ziehe an dem Kreuz. Über meiner Schulter hängen zwei Taschen; eine überdimensionale Sporttasche und eine wesentlich kleinere Aktentasche. Ich bin nicht für die Beichte gekommen. An meine letzte kann ich mich kaum erinnern, das war in der Primarschulzeit. Nein, ich komme zu Besuch im Kapuzinerkloster, für 24 Stunden. Möglich ist dies dank des Angebots «Gallus auf Zeit hinter Klostermauern», welches im Rahmen des diesjährigen Gallusjubiläums lanciert wurde. Männer jeden Alters können für ein Prozent ihres Monatsgehalts an bestimmten Wochenenden dieses Jahres einen Tag im Kloster verbringen. Schliesslich werde ich eingelassen, Bruder Agnell Lüthi öffnet die Tür. Ich trete ein, in eine fremde Welt.

Unterwegs zum Gebet

Die Stille fällt sofort auf. Die Gänge sind gesäumt mit Türen, die meisten führen in die Zimmer der 17 hier lebenden Kapuzinerbrüder. Bruder Paul Mathis führt mich über zwei Treppen nach oben zu einem der Gästezimmer. «Timo Züst» steht an der Tür. «Hier kannst du schlafen, gegenüber sind die Duschen», erklärt der Kapuziner. Viel Zeit zum Einrichten bleibt mir nicht, es ist 17.15 Uhr, in fünf Minuten beginnt das Abendgebet. Die römisch-katholischen Kapuziner halten innerhalb der Klostermauern täglich vier Gemeinschaftsgebete ab; das Morgengebet (7 Uhr), das Mittagsgebet (11.30 Uhr), das Abendgebet und das Nachtgebet (19.15 Uhr). Dazu kommen verschiedenste Gottesdienste. Mein Platz im Gebetsraum ist in der hintersten Reihe, neben Bruder Paul Mathis. Er drückt mir die Stundenbuch in die Hand, deutet zu einer dreistelligen Nummer – wie man sie aus der Kirche kennt – und erklärt mir flüsternd, dass nun dieses Gebet gesprochen wird. Doch vorerst ist es still. Die Brüder sind konzentriert. Viele haben die Augen geschlossen, sie warten auf das Zeichen, die Gebete zu beginnen. Ein Bruder in der zweitvordersten Reihe schlägt einen zarten Gong, in der vorherrschenden Stille hört ihn jeder. Alle erheben sich, mit einiger Verspätung auch ich. Das Gebet beginnt. Die Rezitation folgt einem einstudierten Muster, bei dem jeder Bruder seine Aufgabe genauestens kennt. Sind die letzten Worte verklungen, senkt sich wieder Stille über den Raum. Die Mönche gehen nicht sofort, sie verharren einen Moment in ihren Gedanken. Nur Bruder Karl Bauer eilt zur Küche, er ist für das Mahl zuständig.

Die Tagesschau nicht verpassen

Das Abendessen ist perfekt organisiert. Jedem Kapuziner wurde eine Aufgabe zugeteilt. Als Gast kann ich sitzen bleiben, das Essen wird sogar zum Tisch gebracht. Es gibt Reis, Teigwaren und Salat. Dazu entweder ein Glas Apfelsaft, Mineralwasser oder Merlot. Trotz einiger kürzerer Gespräche überwiegt auch während des Essens die Stille. Nicht zu überhören ist der penetrante Klang der elektronischen Sprechhilfe, auf die ein Bruder angewiesen ist. Das Kapuzinerkloster in Wil ist ein Altersheim. Pflegefälle gibt es hier aber keine, diese leben in einem speziell eingerichteten Kloster in Schwyz. Der älteste in Wil lebende Kapuzinerbruder wurde 1915, der jüngste 1963 geboren. Der Abwasch nach dem Essen geht flott vonstatten. Die Teller werden zusammengestellt, in die Küche gebracht und abgewaschen. Auch hier geht jeder Bruder seiner Aufgabe mit grösster Sorgfalt nach. «Die regelmässigen Gebete und kleinen Aufgaben sind meinen Mitbrüdern eine Stütze, Fixpunkte in einem sonst oft leeren Alltag», erzählt Bruder Paul Mathis später. Sobald die Küchenarbeit erledigt ist, die Tische geputzt sind, begeben sich die Brüder in ihre Zimmer. Bis sie sich um 19.15 Uhr zum Nachtgebet treffen. Dieses muss pünktlich beendet werden, schliesslich wollen viele der Brüder anschliessend im Fernsehraum die Tagesschau sehen. Das aktuelle Weltgeschehen löst keine Diskussionen aus, still ziehen sich die Brüder nach dem Wetterbericht auf ihre Zimmer zurück. «Zeit für sich» steht nun auf dem Programm, bis zum Morgengebet um 7 Uhr.

Volles Programm am Samstag

Heute ist Samstag, daher findet um 8 Uhr die Eucharistiefeier statt. Die Kapuziner halten ihr erstes Gemeinschaftsgebet des Tages aber schon eine Stunde früher ab. Das Frühstück wird nicht gemeinsam eingenommen, im Pausenraum kann sich jeder bedienen. Trotz des anstehenden Gottesdiensts kommt im Kloster keine Hektik auf. Nur Bruder Karl Bauer hat ein Problem; er wird später in der Eucharistiefeier die Orgel spielen und musste einen Ersatzmann für seinen Dienst beim Caritas-Markt finden. Eine Lösung ist schnell gefunden, und die Orgel erklingt auch an diesem Samstagmorgen. Nächster Treffpunkt nach dem Gottesdienst ist die Kaffeepause um 9.45 Uhr. Diese «Möglichkeit zur Kaffeepause» – wie im Tagesplan von «Gallus auf Zeit» zu lesen ist – wird nur mittelmässig genutzt. Fast geschlossen beteiligt sich die Brüdergemeinschaft dafür am Mittagskaffee. Dieser findet anschliessend an das Mittagessen im Esssaal statt. Während die Brüder ihren Kaffee geniessen, den viele mit etwas Schnaps verfeinern, weicht schliesslich die Stille. Es wird geplaudert, mit einem Afrikamissionar auf Heimaturlaub oder dem Gast aus dem Welschland. Nach dem Kaffee und 23 Stunden im Kapuzinerkloster Wil verabschiede ich mich. Draussen steht mein Auto. Ich schalte das Radio auf laut und geniesse den Lärm.

Timo Züst