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Br. Clemens Neuwirth machte vom Oktober 2009 bis Januar 2010 in Wil das Provinzpraktikum. Er berichtet von seinen Erfahrungen:

Heimatpraktikum so heissen bekanntlich die 3 Monate, welche ich als Novize in einem Kloster (bei mir in Wil SG) in meiner Heimatprovinz (in diesem Fall also die Schweiz) verbringe.

Prạk•ti•kum das; -s, Prak•ti•ka;…
Auf der Seite http://de.thefreedictionary.com/ finde ich folgende Erklärung für den Begriff „Praktikum“: Prạk•ti•kum das; -s, Prak•ti•ka; ein Teil einer Ausbildung, den man in einem Betrieb o. Ä. macht, um dort praktische Erfahrungen zu sammeln.

 …ein Teil einer Ausbildung…
Ich bin trotz meines Praktikums immer noch im Noviziat und es ist ein Teil meiner Ausbildung zum Kapuziner. So lerne ich das brüderliche Leben ausserhalb vom Noviziatskloster kennen. Denn es ist wohl absehbar, dass ich nicht mein ganzes Leben im Noviziatskloster verbringen werde. So ist es für mich interessant und schön zu sehen, was unser Orden noch alles für Möglichkeiten des brüderlichen Alltags zu bieten hat. Es ist ja immerhin schon die vierte Gemeinschaft in der ich seit Beginn des Postulates 2007 mitlebe.
So bin ich nun in der Ausbildung in Wil, in welcher ich von den Mitbrüdern lernen darf. Wir lernen uns gegenseitig kennen. Für mich ist es bereichernd, da die Lebensgeschichten der einzelnen Brüder ganz verschieden ist. Wer hat schon so viele,  verschiedene Brüder?!

…den man in einem Betrieb o. Ä. macht,…
Ich würde sagen nicht mal o. Ä. passt. Wir sind nicht ein Betrieb und auch nichts ähnliches, denn wir sind eine Familie von Brüdern und als solche darf ich es hier auch erfahren. Es wird diskutiert, gelebt, geholfen, Macken entdeckt… Wie es in der je eigenen Familie ist, erfährt man auch in unserer brüderlichen Familie, dass nicht alles so möglich ist, wie ich es mir vorstelle. Wir sind eine menschliche Gemeinschaft mit Stärken und Schwächen. Für mich als ältesten von drei Geschwistern ist es kurios, dass ich nun der mit Abstand jüngste Bruder bin in der Klosterfamilie. Aber auch daran gewöhnt man sich. Ich war ja schon in jedem Kloster der Benjamin seit meinem Eintritt ins Postulat. Aber ich hoffe noch auf viele kleine Kapuzinerlein, damit ich auch endlich mal einen jüngeren Bruder habe. Zwei jüngere Schwestern habe ich ja bereits.

…um dort praktische Erfahrungen zu sammeln.
An praktischen Erfahrungen mangelt es hier nicht. Ich betone immer wieder bei Verwandten, wenn sie mich fragen, was ich so tue im Kloster, dass ich ein Hausmann werde. Putzen, Gartenarbeit, Pforte, in der Küche mithelfen, auftischen… Es gibt Dienste, die ich nicht immer mache, aber auch andere die zu meinem Alltag gehören wie das tägliche Offizium und die Hl. Messe.
Und auch dieses Gebetsleben ist ein Schwerpunkt in meinem Leben hier. Ich versuche das vom Noviziat her gelernte nun umzusetzen im konkreten Alltag in einem „gewöhnlichen“ Kloster. Ich sammle praktische Erfahrungen bei der Arbeit, dem Gebet und der gemeinsamen (Rekreation, das gemeinsame Essen, Klosterausflug…) und individuellen Freizeit.
Zu den Erfahrungen gehört auch, dass ich jünger bin als meine Mitbrüder hier. Dies bietet einerseits Chance, von Erfahrungen und Erlebnissen der älteren Mitbrüder zu profitieren, andererseits ist es ein Generationenkonflikt- Potential.
So sind alte Fragen, die früher aktuell waren, heute eine Randerscheinungen, aber andere, neue Fragen, sind aufgetaucht die es zu beantworten gilt. Da muss ich lernen eigene und fremde „Verkrustungen“ anzunehmen. Die Hinter- und Beweggründe zu erfragen ermöglicht mir immer wieder sowohl meine eigene Position zu hinterfragen als auch Verständnis für die Positionen anderer zu entwickeln. Dass das nicht immer gelingt und gelingen kann, muss ich immer wieder schmerzhaft erfahren, wenn man sich in einer Situation verfährt. So bin ich dann auf die Barmherzigkeit des Mitbruders angewiesen, der mich so annimmt, wie ich bin.

Eine weitere Erfahrung ist die Tatsache, dass wir bald nur noch sehr wenige hier sein werden. Anfangs hat mir diese Tatsache sehr zu denken gegeben. Ich erlebe es bei mir jedoch je länger, je mehr nicht resignativ, sondern als Chance für die Zukunft. Wir werden in der Schweiz (weltweit bleibt ja die Zahl der Kapuziner in etwa konstant!) nicht mehr flächendeckend anwesend sein. Dies kann die Chance sein, nicht mehr zu fragen, was wir noch tun können, sondern zu fragen was wollen wir in Zukunft neu tun. Es werden Kräfte freigesetzt, wenn diese Schrumpfung dazu führt, dass wir nicht mehr „weiterhin tun“, sondern in Zukunft „tun werden“.
Ich versuche mir das Wort Jesu zu Herzen zu nehmen: „Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen… Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet. “ (Lk 14,28-30.33) Loslassen von „meinem Besitz“, was ich für Ideen für mich alleine habe im Orden und „meine Mittel“ in das „ganze Vorhaben“ des Ordens einsetzen. Das darf ich hier lernen, dass es nötig sein wird für mich in Zukunft daran zu arbeiten.

Ein Leib und viele Glieder

Es ist schön Brüder zu haben und mit Brüdern auf dem Weg zu sein. Es ist nicht immer einfach, aber es ist sehr bereichernd. Man lernt vieles und ist manchmal selber auch Grund und Anregung zu neuen Gedanken und Ideen. „Ein Leib und viele Glieder“ so spricht der Hl. Paulus über die Kirche. Auch eine Klosterfamilie ist ein solcher Leib und jeder Mitbruder ein Glied, der dazu gehört um den Leib als Ganzes zu bilden.
Schön, dass ich ein Glied dieses Leibes sein darf!

Br. Clemens Neuwirth