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Stellungnahme von Bruder Guardian Josef Haselbach

„zu den Medienmitteilungen über unsern Mitbruder“

 

Als Klostergemeinschaft von Wil, die wir Br. Joël beherbergen, sind wir sehr stark mit betroffen von all den Meldungen über seine schweren sexuellen Übergriffe, die in der Westschweiz und Frankreich  geschehen sind und nun durch das Erscheinen des Buches eines seiner Opfer von neuem durch die Presse gehen.

Wir befürworten alle Massnahmen, die zur Aufarbeitung der schlimmen Verwundungen der Opfer getroffen werden und hoffen, dass durch das Buch dem Autor und andern Opfern ein weiterer Schritt der Verarbeitung gelingt.

Nachdem die Übergriffe vor ca. 10 Jahren publik wurden, kam Br. Joel in der Westschweiz und in Frankreich vor Gericht. In der Schweiz waren die Vergehen damals bereits verjährt, in Frankreich wurde er später zu zwei Jahre bedingt verurteilt. Vom Orden her wurde ein totales Berufsverbot ausgesprochen und eine intensive psychiatrische Begleitung angeordnet. Zusammen mit der Aufarbeitung ging eine so grosse Medienkampagne einher, dass es für die Umgebung, die Mitbrüder der Westschweiz und Br. Joël selbst sehr schwierig wurde, weiter in der Westschweiz zu verbleiben.

Als Klosterverantwortlicher von Wil wurde ich gefragt, ob wir Br. Joel bei uns aufnehmen könnten, nicht um ihn zu verstecken, sondern um den Mitbrüdern der Westschweiz, die selber sehr betroffen und gefordert waren,  einen Dienst zu leisten und Br. Joel überhaupt einen Ort des Verbleibens gewähren zu können. Ein Ausschluss aus unserm Orden, zusammen mit dem Berufsverbot, hätte ihn zu einem Sozialfall und öffentlichen Pflegefall gemacht.

Als Ort legte sich die Klostergemeinschaft in Wil nahe, weil wir hier ein Alters-kloster mit entsprechender Pflege sind. Br. Joel ist gesundheitlich angeschlagen, geht unterdessen am Rollator und braucht pflegerische Unterstützung. Gerichtlich lebt er auf freiem Fuss, aber er scheint uns – selbstverständlich mit den bereits getroffenen Massnahmen – auf diese Weise persönlich und pflegerisch am besten betreut und begleitet zu sein.

Es war kein einfacher Entscheid, aber wir stellten uns auf den Standpunkt – und standen und stehen dazu –  dass Br. Joel trotz seiner schweren Vergehen ein Mitglied unserer Kapuzinergemeinschaft ist und bleibt, wie jemand aus der eigenen Familie, der Fehltritte macht, ein Familienmitglied ist und bleibt. Zudem hat uns unser Ordensgründer Franz von Assisi diese geschwisterliche Haltung auch gegenüber fehlbaren Mitbrüdern angemahnt und es gibt eine Geschichte von Jesus, die dem schwarzen Schaf nicht einen Fusstritt gibt, sondern ihm nachgeht.

Wir danken Ihnen, wenn Sie mit uns diese Haltung teilen und uns weiterhin Ihr Vertrauen schenken – im Namen der Klostergemeinschaft

Br. Josef Haselbach, Guardian